Was ist Geld?
Wie Geld aus dem Markt entsteht – Menger und Mises als Fundament
Wir verwenden Geld jeden Tag. Wir bezahlen damit Waren und Dienstleistungen, erhalten Einkommen, sparen und vergleichen Preise.
Doch was ist Geld eigentlich?
Die einfache Antwort lautet: Geld ist das, womit wir bezahlen. Ökonomisch reicht das nicht aus. Denn damit ist noch nicht erklärt, warum Menschen ein bestimmtes Gut als Geld akzeptieren und wie Geld überhaupt entstanden ist.
Genau hier setzt die Österreichische Schule der Nationalökonomie an.
Carl Menger: Wie Geld aus dem Tausch entsteht
Carl Menger, Begründer der Österreichischen Schule, betrachtete Geld nicht als Erfindung des Staates, sondern als Ergebnis eines Marktprozesses.
Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf eine Wirtschaft ohne Geld.
Ein Landwirt produziert Getreide und benötigt neue Schuhe. Der Schuhmacher hat jedoch keinen Bedarf an Getreide. Er benötigt vielleicht Holz.
Obwohl der Landwirt etwas Wertvolles besitzt und Schuhe erwerben möchte, kommt kein direkter Tausch zustande.
Das Problem liegt in der notwendigen doppelten Übereinstimmung der Bedürfnisse: Beide Seiten müssen genau das anbieten, was die jeweils andere gerade benötigt.
Je arbeitsteiliger eine Gesellschaft wird, desto schwieriger wird dieser direkte Tausch.
Mengers entscheidende Erkenntnis war deshalb: Nicht alle Güter sind gleich leicht tauschbar.
Manche Güter lassen sich leichter weitergeben als andere. Sie sind, in Mengers Begrifflichkeit, besonders absatzfähig oder marktgängig.
Stellen wir einem Sack Getreide eine Menge Silber gegenüber.
Getreide besitzt zweifellos einen Wert. Es ist jedoch verderblich, vergleichsweise schwer zu transportieren und wird nicht jederzeit von jedem benötigt.
Silber ist dagegen haltbar, teilbar, transportabel und wird von vielen Marktteilnehmern akzeptiert.
Für den Landwirt kann es deshalb sinnvoll sein, sein Getreide zunächst gegen Silber zu tauschen – obwohl er das Silber selbst gar nicht benötigt.
Aus
Getreide → Schuhe
wird
Getreide → Silber → Schuhe.
Der scheinbare Umweg vereinfacht den Handel.
Der Landwirt muss nicht mehr genau denjenigen finden, der gleichzeitig sein Getreide möchte und Schuhe anbietet. Er verwendet ein Gut, von dem er weiß, dass es auch von anderen Menschen akzeptiert wird.
Damit geschieht etwas Entscheidendes:
Ein Gut wird nicht mehr nur wegen seines unmittelbaren Nutzens nachgefragt, sondern zunehmend wegen seiner Tauschfähigkeit.
Je mehr Menschen dieses Gut akzeptieren, desto marktgängiger wird es. Und je marktgängiger es wird, desto attraktiver wird es wiederum als Tauschmittel.
So kann aus vielen freiwilligen Einzelentscheidungen Geld entstehen – ohne dass jemand diesen Prozess zentral geplant haben muss.
Warum Gold und Silber?
Nicht jedes wertvolle Gut eignet sich als Geld.
Ein Haus kann sehr wertvoll sein, ist aber kaum teilbar und nicht transportabel. Lebensmittel besitzen einen unmittelbaren Nutzen, können jedoch verderben. Kunstwerke können ebenfalls sehr wertvoll sein, sind aber nicht homogen und müssen individuell bewertet werden.
Gold und Silber besitzen dagegen mehrere Eigenschaften, die ihre Verwendung als Geld begünstigten:
Sie sind knapp, haltbar, teilbar, transportabel und weitgehend homogen.
Das bedeutet nicht, dass Edelmetalle zwangsläufig Geld sein müssen. Mengers Argument lautet vielmehr:
Im Wettbewerb unterschiedlicher Tauschgüter setzen sich tendenziell diejenigen durch, die sich besonders gut für den Austausch eignen.
Die drei Funktionen des Geldes
Aus der Verwendung als Geld ergeben sich drei klassische Funktionen.
Tauschmittel:
Geld erleichtert den Austausch von Gütern und Dienstleistungen.
Recheneinheit:
Preise können in einer gemeinsamen Einheit ausgedrückt und dadurch miteinander verglichen werden.
Wertaufbewahrungsmittel:
Wer heute eine Leistung erbringt, muss den Gegenwert nicht sofort wieder ausgeben. Kaufkraft kann in die Zukunft übertragen werden.
Gerade die letzte Funktion führt zu einer weiteren Frage:
Warum besitzt Geld überhaupt Kaufkraft?
Hier setzt Ludwig von Mises an.
Ludwig von Mises und das Regressionstheorem
Mises stellte eine scheinbar einfache Frage:
Warum akzeptiert ein Mensch heute Geld?
Weil er davon ausgeht, dass er es später wieder gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen kann.
Doch woher weiß er, welchen Wert dieses Geld ungefähr besitzt?
Er kennt seine bisherige Kaufkraft.
Die heutige Einschätzung beruht also auf den Erfahrungen von gestern. Die gestrige Einschätzung wiederum beruhte auf der Kaufkraft des Tages zuvor.
Mises verfolgt diese Kette gedanklich immer weiter zurück.
Schließlich gelangt man zu einem Zeitpunkt, an dem das spätere Geldgut noch kein allgemein akzeptiertes Tauschmittel war – aber bereits einen Wert aufgrund seiner nichtmonetären Verwendung besaß.
Gold etwa wurde bereits geschätzt, bevor es umfassend als Geld verwendet wurde. Es besaß aufgrund seiner Eigenschaften und verschiedener Verwendungen bereits einen Marktwert.
An diesen vorhandenen Wert konnte seine spätere Geldfunktion anknüpfen.
Das ist der Kern des Regressionstheorems.
Menger und Mises ergänzen sich damit:
Menger erklärt, wie sich aus dem Markt ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel entwickeln kann.
Mises erklärt, wie die Kaufkraft dieses Geldes an bereits bestehende Marktwerte und frühere Kaufkraft anknüpft.
Geld ist nicht dasselbe wie Vermögen
Nicht alles, was einen Wert besitzt, ist deshalb Geld.
Ein Grundstück kann Vermögen sein.
Eine Aktie kann Vermögen sein.
Ein Unternehmen kann Vermögen sein.
Diese Vermögenswerte werden jedoch normalerweise nicht allgemein als unmittelbares Tauschmittel akzeptiert.
Geld besitzt deshalb eine besondere Stellung.
Sein entscheidender Nutzen besteht darin, dass es den Austausch zwischen Menschen erleichtert.
Was ist Geld also?
Aus Sicht der Austrian Economics lässt sich Geld zunächst so definieren:
Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel einer Gesellschaft.
Es ermöglicht indirekten Austausch, dient als gemeinsame Recheneinheit und kann Kaufkraft über die Zeit übertragen.
Carl Menger zeigt, wie Geld aus freiwilligen Tauschhandlungen und der unterschiedlichen Marktgängigkeit von Gütern entstehen kann.
Ludwig von Mises ergänzt diese Erklärung um die Frage der Kaufkraft und ihrer historischen Herleitung.
Damit wird deutlich:
Geld ist nicht zuerst eine Münze, ein Geldschein oder eine Zahl auf einem Konto. Geld ist zunächst eine gesellschaftliche Institution des Tausches.
Wie aus dieser marktlich entstandenen Institution im Laufe der Geschichte Münzsysteme, Banknoten, Zentralbanken und schließlich unser heutiges Geldsystem entstanden sind, ist der nächste Schritt unserer Betrachtung.
